Die Textilproduktion in Indien und „Fair Fashion“ – wie lassen sich diese Gegensätze miteinander vereinen?

Mit „Fair Fashion“, ökologisch und sozial fair hergestellter Kleidung, wird das Billiglohnland Indien zumeist nicht assoziiert. Die Organisation Femnet e.V., Feministische Perspektiven auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, zeigt mit ihren zahlreichen Projekten auf, dass es auch anders geht.

Der Großteil unserer Kleidung wird dort hergestellt, wo Arbeitskraft wenig kostet – ob in China, Bangladesch, in der Türkei oder in Indien. In den Fabriken sind bis zu 90 Prozent Frauen beschäftigt.  Ihr Arbeitsalltag ist geprägt von langen Arbeitstagen an bis zu 7 Tagen die Woche, unbezahlten Überstunden, Diskriminierung und Hungerlöhnen. Wie die Brände u.a. in Bangladesch 2012 zeigten, riskieren sie mit ihrer Arbeit sogar ihr Leben. An einem gängigen Beschäftigungssystem in Indien soll im Folgenden beispielhaft skizziert werden, wie dieser Arbeitsalltag oft aussieht.

Sumangali: Die (un-)glückliche Braut

In Indien herrschen extreme Gegensätze. Vom Wirtschaftsboom profitieren nur Wenige in der Bevölkerung. Zwei Drittel der Menschen leiden an Armut, 30% der 15-Jährigen sind Analphabeten. Unter diesen Gesichtspunkten ist es nachvollziehbar, dass sich ein perfides Beschäftigungssystem wie das der Sumangali (= glückliche Braut) weit verbreiten kann: in Spinnereien des südindischen Bundesstaats Tamil Nadu sind ca. 200.000 Frauen und Mädchen, meist im Alter von 14-18 Jahren, unter diesem menschenunwürdigen Konzept beschäftigt. Sie stammen aus extrem armen Familien. Während des drei- bis fünfjährigen Ausbildungsverhältnis wohnen sie in Hosteln. Versprochen wird ihnen die Auszahlung einer Geldsumme von umgerechnet 400-1000 € am Ende der Ausbildung, die als Brautpreis dienen soll, sowie Freizeitmöglichkeiten wie Sport und Fernsehen. Die Eltern motiviert die Auszahlungssumme und die Versorgung ihres Kindes, doch die Realität sieht nicht wie Versprochen aus. Die Vergütung liegt bei unter 3€ am Tag, nach einer kurzen Einarbeitungsphase müssen sie als volle Arbeitskraft fungieren. Oft wird der Lohn einbehalten und ein maximales Taschengeld von 1 € im Monat ausgezahlt. Häufig wird das Arbeitsverhältnis vor dem regulären Ablauf beendet, so dass die Auszahlung der abschließenden Geldsumme verhindert wird. Die Angestellten schlafen in beengten Schlafsälen, wodurch es häufig zu Erkrankungen kommt. Die Arbeitsdauer verlängert sich jedoch durch Krankheitstage und es werden keine Sozialversicherungsabgaben geleistet. So geraten die Arbeiterinnen in einen Teufelskreis. Zudem kommt es oft zu Zwangsarbeit und sexueller Belästigung. Als letzte Lösung sehen Viele nur noch den Selbstmord: es werden 1000 Selbstmordversuche pro Jahr unternommen.

Forderungen von Femnet

Femnet möchte diese Verhältnisse ändern und fordert von der Politik die Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft- und Menschenrechte. Die Unternehmen sollten haftbar gemacht werden, wenn sie die Menschen- und Arbeitsrechte verletzen oder deren Verletzung bei ihren Lieferanten billigend in Kauf nehmen und deutsche Auftraggeber sollen verklagt werden können.

                                    logo-601574061

Von den Unternehmen wird gefordert, eine Kenntnis über die gesamte Lieferkette zu besitzen und so eine Transparenz herzustellen. Vorbeugende Maßnahmen sollen Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen verhindern. Die Zahlung des existenzsichernden Lohns und der Zugang zu Gewerkschaften sollte sichergestellt werden und die weiblichen Beschäftigten sollen achtend und wertschätzend behandelt werden.
Von uns als Konsumenten ist gefordert, unseren Modekonsum zu überdenken. Wie viel Kleidung brauchen wir wirklich? Und wo kaufen wir diese?

Eine beispielhafte Umsetzung von JOYUP SAREE

Mit gutem Beispiel voran geht Claudia Lehel-Slepica nicht nur als Multiplikatorin von Femnet, sondern vor allem mit ihrer Einzelhandelslinie JOYUP SAREE. Aus indischen Saris wird Frauenmode, zum persönlichen Stil passend. In Indien werden Saris oft nur einmalig getragen. Diese Saris werden von JOYUP SAREE aufgekauft und zu ganz besonderen Unikaten weiterverarbeitet. Die Mode gibt es seit 2015 im ausgewählten Einzelhandel. Dieses Upcycling vermeidet Abfall, schont Ressourcen und schafft einzigartige Kleidung. Was darunter genau zu verstehen ist und wie dies Frau Lehel-Slepica umsetzt, kann im vorhergegangenen Blogpost Soziale und politische Aspekte der Textilproduktion Beispiel Indien nachgelesen werden.

                                   10013618_294328587384395_920118913_n (1)

Femnet regen mit ihren Forderungen nicht nur Politik und KonsumentInnen zum Mitdenken an- auch die eigenen Mitarbeiterinnen werden zu Botschafterinnen, in dem sie wie Frau Lehel-Slepica ihr eigenes Label gründen. Durch ihre neuartige Upcyclingidee nimmt sie das Problem selbst in die Hand, anstatt wie der Großteil nur von Veränderung zu reden. Leider scheint ein großes Problem darin zu bestehen, dass der Einzelhandel sehr skeptisch gegenüber dem Ankauf von Unikaten ist. Einzigartige Mode lässt sich schwer mit dem Verkaufsgedanken der Industrie vereinen. Ebenso ist ein preisliches Umdenken der KonsumentInnen nötig: Faire Kleidung kann nun einmal nicht für 4,99 € verkauft werden. Nur für umdenkende Kunden wird sich die Industrie verändern, denn eine Entwicklung zum eigenen Nachteil wird nicht vollzogen. Ein Konsumwandel muss erfolgen, damit solch einzigartige und vielversprechende Ideen wie der Frau Lehel-Slepicas Erfolg haben können.

casual_comp
Quelle: http://www.joyupsaree.de/produkte/

  Quellen:

http://www.joyupsaree.de/

http://www.femnet-ev.de/index.php/de/

http://www.femnet-ev.de/index.php/de/themen/indien/ausbeutung-durch-das-sumangali-system-2

empfohlene Dokumentation:

http://www.aftenposten.no/webtv/#!/kategori/10514/sweatshop-deadly-fashion

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: