FairReisen – Nix für Dummies

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Die Welt ist ein Dorf und das nicht nur dank des Internets. Insbesondere das Fliegen hat die Strecken, die uns von fernen Orten trennen, schneller und leichter überwindbar gemacht. Dass Fliegen nicht gerade eine nachhaltige Art des Reisens ist, das ist nichts Neues. Reisen wir also fair, sobald wir auf das Flugzeug verzichten? So einfach ist die Rechnung nicht. Das Green Office und die nachhaltig orientierten Hochschulgruppen nehmen sich im kommenden Jahr der Herausforderung an: FairReisen – nachhaltiges Reisen und Mobilität heißt das Jahresthema, das im November gestartet ist. Und das hat es in sich.
Denn die Herausforderungen sind keinesfalls nur ökologischer Art. Bleiben wir beim Fliegen: Dabei handelt es sich auch um eine sehr ungerechte Form des Reisens. Nur fünf Prozent der Weltbevölkerung sind schon einmal geflogen. Fliegen ist damit ein echtes Luxusgut. Und ein sehr umweltschädliches noch dazu. Hin- und Rückflug von Berlin nach Teneriffa etwa fressen (oder besser: spucken) 1,9 Tonnen CO2. Zwei Tonnen dürfte jeder Mensch pro Jahr verursachen, damit uns eine einzige Erde zum Überleben reicht. Kaum auszudenken, wie viele Erden wir brauchen würden, wären alle Menschen so privilegiert, mit dem Flugzeug zu reisen. Wollen wir uns den ungerechten, umweltschädlichen Luxus des Fliegens wirklich herausnehmen?

Welches Verkehrsmittel ist am umweltfreundlichsten – und am sozialsten?

Doch die Wahl der Alternative fällt nicht leicht: Nur das Fahrrad, die eigenen Füße und das Segelschiff sind wohl über die (meisten) Zweifel erhaben. Zugfahren, insbesondere mit der grünen Bahncard und dem hübschen 100% Ökostrom-Aufdruck, fühlt sich immerhin ziemlich gut an. Der Aufdruck bedeutet aber keinesfalls, dass alle Züge der Deutschen Bahn mit Ökostrom unterwegs sind, sondern lediglich, dass die DB so viel Ökostrom einspeist, wie Bahncard-Kunden rechnerisch verfahren. Und zwar nur im Fernverkehr. Selbst mit der grünen Bahncard ist man vor Dieselmotoren und Atomstrom also nicht sicher.

Stattdessen Reisebus fahren? Insbesondere bei langen Strecken und wenn sie voll besetzt sind, haben Busse eine vergleichsweise gute CO2-Bilanz. Aber Vorsicht, auch hier kommt die soziale Dimension ins Spiel: Damit die Busunternehmen günstige Preise anbieten können, ist der Druck auf die Fahrer*innen immens. Raserei und Verstöße gegen Ruhezeiten sind keine Ausnahme. Ist es uns Wert, dass Menschen ausgenutzt werden, damit wir umweltschonend und billig ans Ziel kommen?

Das Dortsein ist genauso schwierig wie das Hinkommen.

Hat man es doch irgendwie geschafft, sich für ein Transportmittel zu entscheiden, und den Ort der Wahl erreicht, kann die Erholung allerdings immer noch nicht losgehen. Denn nachhaltiges Reisen hat zum Beispiel auch etwas mit dem richtigen Verhalten am Urlaubsort zutun. Wer in Ägypten in einer Luxushotelkette entspannt, während das einheimische Reinigungspersonal für einen ausbeuterischen Lohn schuftet, ist nicht so nachhaltig unterwegs. Also lieber eine Unterkunft suchen, deren Mitarbeitende fair bezahlt werden. Und die idealerweise keinem globalen Konzern gehört, sondern der lokalen Dorfgemeinschaft. Der Dschungel der Anbieter und Umweltsiegel macht die Suche leider ziemlich undurchsichtig. Wer doch fündig wird, muss immer noch entscheiden, wie er oder sie den Tag am nachhaltigsten verbringt. Wer sich nur im Hotel einschließt, wird von seiner Reise kaum mit einem erweiterten Horizont und einem neuen Bewusstsein für soziale und ökologische Herausforderungen zurückkehren. Doch wie bekommt man den authentischsten Einblick in die Kultur vor Ort? Ist eine Fahrradtour durchs Township Armutstourismus oder interkulturelle Begegnung? Gibt eine Woche Freiwilligendienst in einem Waisenhaus eher der Herlfer*in ein gutes Gewissen oder den Kindern mehr Zukunft? Das Dortsein erweist sich schnell als genauso schwierig wie das Hinkommen.

Und dabei haben wir noch gar nicht bedacht, dass nicht nur wir als Tourist*innen an den Traumstrand unserer Wahl kommen müssen, sondern auch viele der Produkte, derer wir uns erfreuen wollen. Das Essen, der Schmuck, die bunten Hosen, die an allen Ecken feilgeboten werden. Und das gilt natürlich nicht nur für ferne Länder, sondern auch für den Urlaub vor der Haustür. Dass Nordseekrabben zum Pulen nach Marokko und anschließend wieder zurück nach Deutschland gekarrt werden, ist längst Standard.

Nicht nur wir Menschen sind mobil.

Hier schließt sich am Ende der Kreis. Denn nicht nur im Urlaub sind wir mobil. Und mobil sind nicht nur wir Menschen. Alle Waren, die wir tagtäglich konsumieren, haben eine Reise hinter sich. Wollen wir wirklich eine Mahlzeit genießen, die in ihrem kurzen Leben bereits mehr Kilometer auf dem Buckel hat als wir?

Wenn alle diese Fragen uns eins zeigen, dann ist es nicht die banale Anleitung dazu, wie wir mit gutem Gewissen mobil sein können. Sondern die Einsicht, dass es allerhöchste Zeit wird, dass wir über die komplexen Herausforderungen des fairen Reisens reden. Damit wir unsere eigenen, nachhaltigen Antworten finden können. Das hält auch geistig mobil.

Theresa Horbach

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