Rebound-Effekte – Umweltschäden mit gutem Gewissen

– Von Lilian Schuster, Marc Dengler & Sarah Aschenbrenner (HSG für Klima, Energie und Umwelt)

Um die Folgen des Klimawandels noch kontrollieren zu können, ist der internationale Konsens, dass die Erderwärmung auf 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden muss. Gleichzeitig soll aber auch die Wirtschaft immer weiter wachsen. Aus diesem Grund ist es essentiell, dass vorhandene Technologien Ressourcen schonender werden. Doch was, wenn der Strom für das Elektroauto Kohlestrom ist, oder wenn dank des neuen Hybridautos guten Gewissens doppelt so viel gefahren wird?

Durch den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen werden Energie und Rohstoffe effizienter eingesetzt. Folglich können die darauf basierenden Produkte und Dienstleistungen meist billiger verkauft werden. Bei sinkenden Preisen steigt jedoch gleichzeitig die Nachfrage nach einem Produkt, sei es weil nun mehr Menschen sich dieses Produkt leisten können, oder weil der Einzelne mehr davon kauft. Gleichzeitig kann es auch sein, dass Konsumenten das eingesparte Geld in umweltschädlichere Produkte investieren. Beispielsweise kann durch ein Hybridauto an den Benzinkosten gespart werden und stattdessen eine Flugreise bezahlt werden. So werden die ursprünglichen Energieeinsparungen teilweise oder gar komplett wieder aufgehoben. Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft auch als Rebound- Effekt bezeichnet.
Rebound-Effekte gibt es auf mikro- (beim Verbraucher) und makroökonomischer Ebene (beim Produzenten). Während man sich bei Ersteren nur noch über die Höhe des Effekts streitet, wird die Existenz von Letzterem als „energieproduktivitätsbedingtes Wirtschaftswachstum“, infolgedessen sich die Energienachfrage vergrößert, noch heute in Frage gestellt. Dies liegt jedoch hauptsächlich daran, dass er noch kaum erforscht wurde. Das wohl berühmteste Beispiel für indirekte/makroökonomische Rebound-Effekte stammt aus dem 19. Jahrhundert. Damals wurde eine Technik gefunden, Kohle effektiver zu nutzen, die Folge war allerdings nicht der Rückgang der Nachfrage nach Kohle, sondern ein sprunghafter Anstieg selbiger. Plötzlich war der Zugang für die breite Bevölkerung offen, welches den Beginn der industriellen Revolution einläutete.

Mikroökonomische Rebound-Effekte

Wie oben bereits erwähnt sinken bei Energieeffizienzsteigerungen die Nutzungskosten eines (energieverbrauchenden) Gutes. Konsumenten haben also nach dem Erwerb des Gutes mehr Einkommen zur Verfügung als zuvor. Somit können sie sich mehr von diesem Gut leisten, was als direkter Reboundeffekt bezeichnet wird.
Angewandt auf das Eingangsbeispiel bedeutet das, dass der Autofahrer sein Fahrverhalten dank der niedrigen Spritkosten anpasst. So werden nicht nur weite Wege mit dem Auto zurückgelegt, sondern auch kurze Strecken, für die man das Auto sonst hätte stehen lassen, da es kaum Kosten verursacht oder auch weil der neue Hybridwagen als Statussymbol betrachtet wird. Zudem werden öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad seltener genutzt. So kommt es, dass die technisch möglichen Effizienzgewinne in der Praxis häufig nicht erreicht werden, weil das Produkt häufiger oder intensiver genutzt wird. Zudem geben Konsumenten ihr erspartes Geld aus der Effizienzsteigerung für andere Güter aus, was als indirekte Reboundeffekte bezeichnet wird. So werden die Ersparnisse beispielsweise genutzt, um nun weite Strecken in den Urlaub zu fliegen. Dies allerdings treibt den Ressourcenverbrauch viel stärker an und kompensiert oder übertrifft sogar die Energieeinsparungen. So werden im Schnitt bei einer Flugreise auf 1000 Kilometer etwa 380kg CO2 pro Person ausgestoßen. Auf derselben Distanz verbraucht ein modernes Auto etwa 130kg. Eine Flugreise sprengt den Rahmen des individuellen CO2-Fußabdrucks und vernichtet Einsparungen bei anderen Transportmitteln.

 

Außerdem kann mit einer Effizienzsteigerung auch eine Steigerung des gesellschaftlichen Wertes eines Produktes einhergehen. Was zu einer erhöhten Nachfrage und damit zu einem Rebound Effekt führt. So gelten Tesla Autos beispielsweise als hippes Statussymbol, welches von vielen umweltbewussten Promis gefahren wird.

Wie groß ist der Rebound-Effekt?

Viele Studien haben eine empirische Schätzung des Rebound Effektes vorgenommen. Allerdings sind die Bandbreiten der Schätzungen sehr groß (10 – 80%). Die meisten Studien zu diesem Thema gehen davon aus, dass 50% der Ressourceneinsparungen durch Rebound-Effekte zunichte gemacht werden, wobei 10-30% von direkten Reboundeffekten verursacht werden. Neuere Studien gehen allerdings davon aus, dass die Summe aller Rebound Effekte weit über 50% der Energieeinsparung auffrisst.

In Einzelfällen ist es denkbar, dass die Einspareffekte überkompensiert werden und ein sogenanntes Backfire zustande kommt.
Ein Beispiel, wo das Phänomen des Backfires auftrat, sind strombetriebene Geräte im Haushalt. Seit Mitte der achtziger Jahre sind diese um rund 37 Prozent energieeffizienter geworden. Zur selben Zeit jedoch wurden sie größer und die Menschen schafften sich mehr Haushaltsgeräte an. So stieg, trotz der energieeffizienteren Technologie, der Stromverbrauch insgesamt um rund 22 Prozent an.

Mögliche Lösungsmöglichkeiten der Politik

Die Politik hat bislang kaum praktikable Lösungsansätze für das Dilemma. Der am häufigsten diskutierte Vorschlag ist eine Ökosteuer, mit der finanzielle Gewinne aus Effizienzgewinnen abgeschöpft würden. Aufgrund ihrer Komplexität wäre so eine Steuer aber wohl kaum realisierbar. Als letztes Mittel wären auch absolute Obergrenzen für den Energieverbrauch denkbar, aber wohl nur in der Theorie. Solche Grenzen würden allerdings nur global Sinn ergeben, doch wie man an den Klimakonferenzen sieht, scheint eine Einigung nahezu unmöglich. Zum Beispiel wäre eine internationale Steuer auf Kerosin notwendig, welche das Flugzeug als Transportmittel teurer und weniger wettbewerbsfähig machen würde.

Es scheint also als hätte die Politik kaum wirksame Mittel.
So ist jeder Einzelne von uns mit seinem persönlichen Verhalten gefragt, bei seinen Bemühungen zu CO2-Einsparungen insbesondere die Rebound-Effekte zu beachten und möglichst gering zu halten.
Das heißt auch: Umweltschädliche Handlungen nicht mit Einsparungen aus der Vergangenheit begründen. Bei jeder Investition muss neu und unabhängig entschieden werden, ob diese vertretbar und zu verantworten ist!

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