Studentischer CO2-Fußabdruck – „Mobilität haut rein!

– Dr. Ruth Steinke

Der eigene CO2-Fußabdruck und die sich daraus ergebenden Reduktionspotentiale sind an der HTWG immer wieder Thema im Studiengang Umwelttechnik und Ressourcenmanagement oder in der Ringvorlesung Nachhaltige Entwicklung. Eine Abschlussarbeit hat sich die empirische Erhebung und Analyse der CO2-Emissionen der Studierenden an der HTWG  zur Aufgabe gemacht.

CO2-Rechner, z.B. der des Umweltbundesamtes (UBA), machen es leicht: Online kann die eigene Klimabilanz erstellt werden. 10,64 Tonnen CO2-Äquivalente (dabei werden neben CO2 auch z. b. Methan und Lachgas in ihrem Erwärmungspotential in Relation zu CO2 mitgerechnet) stößt eine Person in Deutschland im Durchschnitt im Jahr aus. Verträglich wären laut UBA 2,6 Tonnen, wobei „verträglich“ heißt,  dass jedem Menschen auf der Erde ein gleiches Maß an Emissionen zusteht im Rahmen des Ziels, die Erde möglichst nicht um mehr als 2 Grad seit der industriellen Revolution zu erhitzen.  Die „gute“ Nachricht: der Fußabdruck von 450 Studierenden an der HTWG, die an der Umfrage teilnahmen, liegt im Schnitt darunter, wenn auch nur knapp, nämlich bei 10,35 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. 52% der Studierenden haben einen unterdurchschnittlichen CO2-Fußabdruck. Bei 11% der Studierenden liegt er unter 6 Tonnen, bei 11% ist er aber größer als 15 Tonnen im Jahr.

Und da kommt der Faktor Mobilität ins Spiel. Im Durchschnitt der Deutschen macht die Mobilität 23% der Emissionen im Konsumbereich aus (zum Vergleich: Heizung 17%, Ernährung 13%, Strom 7%, sonstiger Konsum 30%, öffentliche Emissionen 10%). Auf das Privatfahrzeug fallen dabei (in Prozent der Gesamtemissionen) 14%, auf den ÖPNV 1% und auf den Flugverkehr 8%. Mobilität macht bei den Studierenden dagegen insgesamt 36% ihrer Emissionen aus (Heizung 11%, Ernährung 16%, Strom 4%, sonstiger Konsum 23%, öffentliche Emissionen 10%) 11% der studentischen Emissionen verursacht das Privatfahrzeug, 2% der ÖPNV und 23% der Flugverkehr. Auch in absoluten Zahlen sind die studentischen Emissionen, die vom Flugverkehr ausgehen, höher als im Durchschnitt (2,42 versus 0,84 Tonnen)

Nun muss aus wissenschaftlicher Redlichkeit gesagt werden, dass die Erhebungen gerade zum Flugverkehr nicht ganz valide sind. (im Laufe der Befragung wurden die Rahmenbedingungen gerade was den Flugverkehr betrifft verändert, und auch die Berechnung des deutschen Durchschnitts wirft beim Flugverkehr Fragen auf). Es bleibt jedoch zu konstatieren, dass der Flugverkehr die Achillesferse eines ökologischeren studentischen Fußabdrucks ist. Jede Flugreise macht noch so tolle Bemühungen um Reduktionen in anderen Bereichen zunichte. Jede Flugreise ist ein echter „Big Point“, hat also mengenmäßig eine hohe Relevanz für den eigenen CO2-Ausstoß. Michael Bilharz vom Umweltbundesamt propagiert, sich im Bemühen, den eigenen CO2-Ausstoß zu reduzieren, an solchen „Big Points“ zu orientieren und sich nicht im Wust der kleinen,  wenig relevanten Verhaltensumstellungen zu verzetteln. (Seine „Big Points“  im Anhang) Es lohnt sich also wirklich, über „Nachhaltiges Reisen und Mobilität“, dem Jahresthema des green office, differenziert nachzudenken und Alternativen zu entwerfen. (..und wenn wirklich keine Alternative bleibt, dann bleibt immer noch, zu kompensieren: https://www.atmosfair.de/)

Und dies nicht nur zum Thema Fliegen.  Die Frage unserer zukünftigen Mobilitätsmuster ist mit entscheidend für eine echte „Energiewende“ …und wird viel zu wenig angegangen.

Big Points nach Michael Bilharz (Key Points“ nachhaltigen Konsums. Ein strukturpolitisch fundierter Strategieansatz für die Nachhaltigkeitskommunikation im Kontext aktivierender Verbraucherpolitik. Marburg: Metropolis 2008):

1. Heizenergieverbrauch (abhängig v.a. von Wohnfläche und Wärmedämmung)
2. Kraftstoffverbrauch (abhängig v.a. von Auto- und Flugkilometern sowie vom Kfz-Verbrauch/km)
3. Nahrungsmittelkonsum (abhängig v.a. vom Fleischkonsum und vom Anteil von Nicht-Bio-Essen)
4. Stromverbrauch (abhängig v.a. vom Anteil nicht-regenerativer Energien)
5. Konsumgesamtmenge (abhängig v.a. vom Einkommen)

Und hier noch Verhaltensvorschläge für Überzeugungstäter*innen:

– Halbierung der eigenen Wohnfläche (weniger Platz zum Heizen und Konsumieren)
– Fahren mit Fahrrad, Bus oder Bahn statt Auto oder Flugzeug
– Verzicht auf Fleischkonsum
– Bezug von Öko-Strom
– Halbierung der eigenen Arbeitszeit – weniger Einkommen, weniger Konsum, mehr Zeit zum leben
– politisch sein, das heisst sich einsetzen für ökologischere Gesetze und Rahmenbedingungen, damit alle Menschen dazu gebracht werden, nachhaltig zu konsumieren (z.B. Umweltverbände unterstützen).

 

Weitere Informationen:

http://www.umweltbundesamt.de/en/publikationen/klimaneutral-leben

 

Über die Autorin

Dr. Ruth Steinke ist seit März 2013 Referentin für Nachhaltige Entwicklung an der Hochschule für Technik und Gestaltung (HTWG) in Konstanz. Sie hat Tiermedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert, wo sie auch promovierte, und Geschichte, Soziologie und Philosophie an der FernUniversität Hagen. Nach der Tätigkeit als Tierärztin in verschiedenen landwirtschaftlichen Großtierpraxen war sie von 1998 bis 2013 Fachbereichsleiterin u.a. für den Bereich Gesellschaft – Kultur – Umwelt an der Volkshochschule Schwäbisch Hall. Dort hat sie das „Forum Nachhaltigkeit“ aufgebaut. An der HTWG ist sie Organisatorin der öffentlichen Ringvorlesung Nachhaltigkeit, die auch im kommenden Jahr wieder stattfinden wird. In Zusammenarbeit mit der PH Thurgau und dem Green Office der Universität wird im Mai 2016 der dritte Hochschultag für Nachhaltigkeit stattfinden, bei dem Studierende ihre Abschlussarbeiten im Bereich Nachhaltigkeit präsentieren können.“

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2 Kommentare zu „Studentischer CO2-Fußabdruck – „Mobilität haut rein!

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  1. Guten Tag Frau Dr. Steinke,
    ein sehr interessanter Beitrag! Ich frage mich nur, was als „wenig relevante Verhaltensumstellungen“ zu verstehen ist, wenn ich die fünf Key Points ansehe.
    Denken Sie nicht auch, dass es einen politischen Wegweiser geben müsste, um noch mehr Menschen zu erreichen, die sich nicht gerade beruflich oder studienbezogen mit den Themen Nachhaltigkeit und Umwelttechnik beschäftigen? Oder glauben Sie, dass unsere Gesellschaft diese Wende in einem zeitlichen Rahmen vollzienen kann, ohne gesetzlichen Impetus?
    Beste Grüße, Esther Mertesdorf

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    1. Liebe Frau Mertesdorf,

      ich stimme da ganz mit ihnen überein, dass wir unbedingt politische Rahmenbedingungen für mehr Nachhaltigkeit brauchen. Gesetzliche Regeln und Anreizsysteme sollten Nachhaltigkeit als „normale“ kulturelle Praxis etablieren und so den Einzelnen / die Einzelne in seinem Alltagshandeln auf ein nachhaltiges Gleis setzen.

      Herzliche Grüße
      Ruth Steinke

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