Wie war dein Flug, Papaya? – Essen auf Reisen

Sabrina Pashalidis, Foodsharing Konstanz

Was für ein Prachtstück! Ganz leicht gibt sie nach, wenn ich draufdrücke, ganz leicht nur. Die glatte, kühle Schale meiner Frühstücks-Avocado fasziniert mich fast genau so sehr wie die lindgrüne Creme, die mich in ihrem Inneren erwartet. Schnell aufgeschnitten und – siehe da. Das ist Perfektion! Nicht einen Tag zu lang habe ich damit gewartet, sie endlich zu öffnen. Aufs Brot schmieren, Tomatenscheiben und Pfeffer drauf… Himmel.

Der Weg, der mich zu dieser fast schon religiös anmutenden Geschmackserfahrung geführt hat, war geschätzte fünfhundert Meter weit. Der kleine Gemüseladen befindet sich in unschlagbarer Lage direkt auf der anderen Straßenseite – wahrscheinlich habe ich mehr Zeit damit zugebracht, in der Küche meine Einkäufe zu sortieren und zu verstauen, als mit dem ganzen Weg in den Laden und zurück. Was für ein Glück eigentlich.

Stellen wir uns einen Moment lang vor, mir wäre beim Aufstehen verkündet worden, ich müsste mir heute meine Frühstückszutaten dort zusammensammeln, wo sie ursprünglich zu Hause sind.

Uff – da ist es gerade mal halb neun und schon sitze ich im Flieger nach California. Wenigstens darf ich fliegen – die Avocado hatte zum Zeitpunkt ihres Verspeistwerdens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine nervenzermürbende Fahrt in LKW, Güterzug und Containerschiff hinter sich. Wenngleich sich natürlich die Frage stellt, wie viel du eigentlich noch mitbekommst, wenn du bei einer Temperatur von konstant 10 Grad, durch Fasertauwerk von deinen Artgenossen getrennt, einen Monat lang gut gelüftet über den Atlantik tuckerst.

Vierundzwanzig Stunden später: Meine Ausbeute – die selbstgepflückte Avocado – wie eine Trophäe über dem Kopf schwenkend stürze ich ausgehungert in meine Küche hinein, wo mir erst, als ich den Teller schon freudig bereitgestellt habe, die Erkenntnis siedend heiß den Rücken herunterläuft. Oh Shit. Ich habe noch kein Getreide für mein Brot geerntet. Von Tomaten und Pfeffer ganz zu schweigen. Zum Tomatenpflücken noch kurz auf die Reichenau zu fahren ist mir auf einmal viel zu anstrengend – ich musste doch schon die halbe Welt umrunden. Und der Pfeffer kann meinetwegen heute bleiben, wo er wächst. Wo ist überhaupt dieser legendäre Ort, an den wir uns in regelmäßigen Abständen den nervigen Kommilitonen hinwünschen, der zu jedem Schwachsinn seinen Senf dazugibt? Und woher bezieht er eigentlich Senf in solch horrenden Mengen? Und wie macht man eigentlich Senf, und vor allem wo?

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Ein viel banaleres, ein richtiges Grundnahrungsmittel: Eine Kartoffel. Mit den Kartoffeln verhält es sich ja gemeinhin so, dass wir sie wie 87% unserer Nahrung aus dem eigenen Land beziehen – sie sind also keine Globetrotter wie der exotische Luxus einer Avocado. Nichtsdestotrotz zeigt mir der Film, der sich bei genauerem Nachdenken unwillkürlich vor meinem inneren Auge abspielt, das Verfrachtet- und Verladenwerden der goldgelben Knolle in bis zu drei verschiedenen Verkehrsmitteln, bevor sie letztendlich bei mir auf dem Teller ihre Bestimmung erfüllt. Mehr noch, wenn es sich um die in Tüten oder Netzen abgepackte Variante handelt. Gar nicht erst zu reden von denjenigen, die zuvor noch in Massenbädern von eventuell unappetitlich anmutender Erde befreit werden. Auch die blinden Augen der Kartoffel haben letztendlich schon Einiges von der Welt gesehen.

Die faszinierende Mobilität, die dieses Zeitalter mit sich bringt, hat definitiv ihre Vorzüge für den menschlichen Speiseplan. Ihr ist die nie dagewesene Möglichkeit zu verdanken, jedes halbwegs transportable Produkt der entferntesten Regionen zu jeder beliebigen Jahreszeit in unseren Supermärkten vorzufinden; sie beschert uns thailändische Drachenfrüchte und spanische Erdbeeren, Instant-Palak Paneer aus Indien und Mangos aus Zentralamerika.

Man wird es sich schon das ein oder andere Mal überlegt haben: Ohne Kosten kommt diese Vielfalt selbstredend nicht. Eine Studie der Uni Gießen ergab, dass die 4% an Lebensmitteln, die von Übersee nach Deutschland gelangen, rund zwei Drittel des Reisewegs aller importierten Lebensmittel ausmachen. Die hierbei verbrauchte Energie übersteige die beim Transport von hierzulande produzierten Waren um ein 11-faches – und das trotz des weitverbreiteten Einsatzes von Schiffen als gängigstem Transportmittel, welche als vergleichsweise umweltschonend gelten.

Absurder wird es, wenn man im deutschen Supermarkt vor den so bezeichneten „Riesenpapayas“ steht. Diese angeblich so riesigen Früchte können sich hinter den Exemplaren, welche man in ihren Herkunftsländern vorfindet, mindestens viermal verstecken – und sind trotzdem noch immer doppelt so groß wie die herkömmlichen, kaum die Größe zweier aneinandergepresster Fäuste überschreitender Papayas im Regal nebenan. Wieso das?

Der Unterschied liegt im Transportmittel. Die Papaya ist eine empfindliche Frucht, die abhängig von Größe und Reifegrad recht bald nach der Ernte verzehrt werden sollte; je kleiner die Frucht, desto transportabler. Die winzigsten Exemplare können also bei günstigen, dem Verfall entgegenwirkenden Lagerbedingungen zusammen mit ihren Landsleuten – Mangos, Ananas und Dergleichen mehr – im Containerschiff zu uns gebracht werden und sorgen demnach lediglich für eine elffache Belastung der Umwelt im Vergleich mit heimischen Produkten. Größere Papayas dagegen sind zum Erntezeitpunkt schon etliche Stufen weiter in ihrer Entwicklung und dementsprechend empfindlicher. Sie werden als „Flugpapayas“ nach Europa gebracht, um frisch und saftig unter dem Löffel des deutschen Verbrauchers zu landen. Recht makaber, wenn man sich die Berechnungen der Uni Gießen zu Gemüte führt, laut denen der Transport eines Kilos tropischer Früchte im Flugzeug so viele Schadstoffe verursacht wie der von 90 Kilo Ware auf heimischen Straßen und Schienen. Ja, wenn ich es so sehe, macht das altbekannte Öko-Mantra „Regional, saisonal“ tatsächlich Sinn. Immerhin ließe sich laut dem Forscherteam der Uni Gießen der CO2-Ausstoß beim deutschen Lebensmittelimport allein dadurch um 22% verringern, dass nur diejenigen Nahrungsmittel importiert würden, die in Deutschland anzubauen aufgrund der hiesigen klimatischen Verhältnisse unmöglich ist.

Halten wir also fest: Die Entfernungen, die das, was ich mir tagtäglich so einverleibe, im Laufe seines Daseins zurücklegt, sind oft weiter als alles, was ich in meinen zwanzig und ein paar zerquetschten Jahren Leben bisher hinbekommen habe. Und während ich bereitwillig zugebe, dass mir die eine Avocado den Weg nach Amerika vermutlich nicht wert gewesen wäre, ist es doch ziemlich erstaunlich, was Menschen alles dafür in Bewegung setzen, sich derartigen Unternehmungen nicht aussetzen zu müssen. Ob der regelmäßige Avocadokonsum für das Fortbestehen der europäischen Zivilisation von einer so immensen Bedeutung ist, dass er die an anderer Stelle dabei verursachten Schäden rechtfertigt, sei erst einmal dahingestellt.

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