Mit dem Fahrrad zum Erasmus-Aufenthalt nach Frankreich

Vom Bodensee über die Alpen an die Côte d’Azur

Kurz nach dem ich im Februar für das Erasmus Auslandssemester am EURECOM in der Nähe von Antibes, zwischen Nizza und Cannes, nominiert wurde, beschlossen meine Schwester und mein Bruder mich bei der Anreise dorthin zu begleiten. Da wir schon im vergangenen Herbst mit dem Fahrrad eine Tour über die Alpen gemacht hatten, war das Verkehrsmittel auch schon klar: Wir werden mit dem Fahrrad reisen. Das anlässlich von „30 Jahre Erasmus“ für nachhaltiges Reisen ausgeschriebene Stipendium motivierte uns zusätzlich, diese Radtour zu wagen. An dieser Stelle möchte ich mich nochmals für die Förderung meiner Reise bedanken.

Bei der Planung merkten wir schnell: viele Regionen sind nicht auf Rad-Touristen eingestellt. Während es vom Bodensee durch die Schweiz bis zum Lago Maggiore gut beschriebene Radwege gibt, müssen wir uns danach wohl überwiegend auf Straßen durchschlagen. Erst am Mittelmeer soll es wohl einen teilweise fertiggestellten Radweg entlang der Küste geben.

Für unsere Planung verwendeten wir deshalb neben Büchern unteranderem auch Reiseberichte von Teilstrecken aus Online-Plattformen, die GPS-Tracks zur Verfügung stellen. Nach der Planung der Route und Aufteilung der Etappen (möglichst weniger als 100 km und unter 1000 Höhenmeter bergauf je Tag) meldete sich ein Freund meiner Schwester, dass er diese Tour mitfahren möchte. Somit werden wir zu viert reisen.

Unsere Route wird uns neben Deutschland und Frankreich durch Österreich, die Schweiz, Lichtenstein, Italien und Monaco führen. Für die rund 900 km haben wir elf Reisetage und einen Ruhetag eingeplant. Die Route führt uns vom Bodensee über den San Bernardino Pass zum Lago Maggiore. Von geht es durch das Piemont nach Ligurien ans Mittelmeer, an dessen Küste entlang wir nach Antibes kommen.

Um Gewicht zu sparen, wir müssen ja alles über die Alpen schleppen, haben wir unser Gepäck auf das Nötigste begrenzt. Da wir mit jedem Wetter rechnen müssen – alles von sehr hohen Temperaturen am Mittelmeer bis zum Schnee in den Bergen ist möglich (der Bergwetterbericht meldete wenige Tage vor unserer Tour noch Schnee bis 2000 m, eine Höhe die wir erreichen werden) – packen wir unsere Kleidung entsprechend. Deshalb muss ich mir viele Gegenstände, die ich in Frankreich zum Leben und Studieren brauche entweder zuschicken lassen oder vor Ort kaufen.

Tag 1

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Da ich meine Wohnung in Konstanz während meinem Auslandsaufenthalt zwischen vermiete, starten wir unsere Radtour im Westallgäu. Nach nur wenigen Kilometern verlassen wir Deutschland und kommen nach Österreich, wo wir vom Pfänderrücken einen schönen Blick über den Bodensee haben. Wir rollen hinab zum See, wo wir entlang des Seeufers, durch Bregenz und vorbei an der Seebühne bis zum Rheindamm radeln. Dort biegen wir ab und fahren Rhein aufwärts. Der Rhein wird uns die nächsten Tage begleiten auf unserem Weg zum San Bernardino Pass. Fast unbemerkt verlassen wir die EU und fahren weiter in der Schweiz den Damm aufwärts. Bald sehen wir nicht mehr Österreich am anderen Ufer, sondern den ersten Zwergstaat unserer Reise: Lichtenstein. Wir überqueren den Rhein und kommen kurz darauf in unserer ersten Unterkunft, der Jugendherberge Schavan-Vaduz, an.

Tag 2

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Nach dem Aufbruch von der Jugendherberge radeln wir zurück zum Rheindamm und wechseln bei der nächsten Brücke wieder an das Schweizer Ufer. Wir folgen dem gut ausgeschilderten Rheinradweg, zuerst auf dem Rheindamm, dann durch einige kleine Dörfer und zwischen Weinbergen hindurch bis nach Chur. Kurz hinter Chur folgen wir dem Hinterrhein. Der Radweg, nun die Graubünden-Route 6, führt uns ein ganzes Stück über dem Fluss an einer Felswand entlang. Wir kommen am Fluss nach Thusis, wo wir unsere Verpflegung für morgen kaufen, da nun die Dörfer kleiner werden und wir nicht sicher wissen, wann wir morgen an Läden vorbeikommen. Nun führt die Graubünden-Route 6 auf der alten Passstraße weiter bergauf. In einem Tunnel grüßt uns ein bergabwärts radelnder Schweizer mit einem laut schallendem „Grüzi“, bevor wir bei einer kurzen Pause eine vierköpfige Familie treffen, die ebenfalls eine Alpenüberquerung mit Fahrrädern macht, jedoch mit dem Unterschied, dass sie ihre Route und Ziel nicht fest geplant haben. Ihr Ziel könnte der Comer See oder der Lago Maggiore sein, wobei wir am letzteren auch vorbeikommen. Nach kurzem Austausch und Diskussion, welchen Pass wir überqueren (San Bernardio oder Splügen Pass) radeln wir weiter den Berg hinauf. Kurz hinter Andeer erreichen wir unser Etappenziel, die Rofflaschucht.

Tag 3

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Heute liegt die kürzeste Etappe vor uns, die aber zugleich die größte Höhe überschreitet und die meisten zu erklimmenden Höhenmeter enthält. Vor dem Frühstück besuchen wir noch den Wasserfall der Rofflaschlucht und laufen unter dem Hinterrhein hindurch. Wir haben den Anfang dieser Etappe gezielt so gelegt, dass wir gleich in der Kühle des Morgens die erste Hälfte der zu erklimmenden Höhe hinauf radeln. Nach etwa acht Kehren erreichen wir den Sufner See und radeln weiter durch einige kleine Dörfer bis kurz vor den letzten Anstieg. Hier treffen wir nochmals die Familie von gestern, die sich nun auch für den San Bernadino Pass entschieden hat. Wir tanken noch einmal Energie mit einer Brotzeit, bevor wir uns an das Erklimmen der Passhöhe machen. Als wir die Passhöhe erreichen, merken wir, dass wir nun in die Italienische Schweiz kommen. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es hinab nach San Bernadino, wo unser heutiges Etappenziel liegt.

Tag 4

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Die heute vor uns liegende Etappe kennt nur eine Richtung: nach unten. Am Anfang recht steil, danach etwas flacher. Von San Bernardino auf folgen wir der Graubünden-Route 6 entlang dem Fluss Moësa ins Tessin. Anfangs fällt etwas Regen, der aber nicht lange anhält.  Hinter Bellinzona folgen wir dem Fluss Tessin zum Lago Maggiore. Entlang seinem Ufer kommen wir nach Locarno, wo wir in der Jugendherberge übernachten. Durch das angenehme Höhenprofil der heutigen Etappe haben wir noch viel Zeit, um uns im See abzukühlen.

Tag 5

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Da es rund um den Lago Maggiore leider nur sehr wenige Radwege gibt, werden wir nicht entlang des Ufers des Sees nach Italien kommen, sondern in dem wir durch das Centovalli zur Italienischen Grenze fahren, bevor wir am Lago D’Orta Station machen. Da wir nun nicht mehr in einer Gegend mit gut ausgebautem Radwege-Netz sind fällt uns der Anfang der Etappe nicht leicht. Aber sobald wir die Straße hinauf zur Italienischen Grenze gefunden haben, wird es etwas einfacher. Entlang einer Bahnstrecke kommen wir zu einem einsamen Grenzübergang. Nach der Grenze geht es noch etwas weiter hinauf. Wir bemerken, dass sich der Zustand der Straßen deutlich verschlechtert hat, seit wir in Italien sind. Hier erleben wir zudem erstmals ein in Italien stetig wiederkehrendes Erlebnis: ein relativ gut ausgebauter Radweg fängt irgendwo im nirgendwo an und endet ebenso plötzlich. In einem Fall stehen wir zwischenzeitlich auf dem örtlichen Wertstoffhof, sodass wir uns entscheiden, weiter auf der Straße zum höchsten Punkt der Etappe zu radeln. Bevor wir uns an die Abfahrt machen (wir haben im Internet gelesen, dass die Straße durch unbeleuchtete schlaglöchrige Tunnel führt) checken wir unsere Räder durch und wechseln an einem Rad die Bremsbeläge. Der erste Tunnel durch den wir kommen ist gut beleuchtet und relativ neu. Dies stimmt uns hoffnungsvoll, dass die Straße saniert wurde. Jedoch kurz darauf kommt der nächste Tunnel. Dieser ist unbeleuchtet und wir werden ordentlich durchgeschüttelt. Am Ende der Abfahrt verpassen wir die Stelle, an der wir abbiegen sollten und kommen fast auf die Autobahn. Nun folgen wir Provinzstraßen entlang dem Fluss Toce. Kurz bevor wir zurück an den Lago Maggiore kämen, halten wir uns links und erreichen Omegna am Lago D’Orta, wo wir unseren Ruhetag verbringen werden um uns zu erholen.

Tag 6 – Ruhetag

An unserem Ruhetag frühstücken wir später als sonst. Während ein Teil unsere Gruppe Einkäufe macht, fängt der andere Teil schon einmal an Wäsche zu waschen. Nach dem die Einkäufe getätigt sind und die Wäsche gewaschen ist, machen wir zu dritt einen Ausflug zur knapp 20 km entfernten Santuario della Madonna del Sasso, einer Kirche, die auf einem Felsvorsprung eine schöne Aussicht auf den See verspricht und dieses Versprechen, sowie zusätzliche Höhenmeter, auch hält. Nach unserer Rückkehr gehen wir noch eine Runde im See baden.

Tag 7

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Gut erholt treten wir unsere nächste Etappe an. Sie führt uns weg von den Bergen in die Po-Ebene. Zuerst geht es entlang dem Lago D’Orta bis zu seinem südlichsten Punkt bevor wir ihn verlassen. Danach geht es über Provinzstraßen leicht abwärts nach Novara, das wir früher als erwartet erreichen. Nach einer kurzen Mittagspause geht es weiter auf Provinzstraßen durch eine wenig besiedelte Region. Die Maisfelder, zwischen denen wir hindurch radeln, weichen Reisfeldern und bald darauf kommen wir in Vercelli an.

Tag 8

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Die heutige Etappe führt uns von Vercelli, wieder auf Provinzstraßen, bis kurz hinter Asti. Anfangs sind wir erneut von Reisfeldern umgegeben. Ab und zu ist auch mal ein Maisfeld dazwischen. Diese Felder weichen langsam Weinstöcken. Nach einigen Kilometern müssen wir anhalten und ein lokales Radrennen abwarten, das auf unserer Strecke stattfindet. Unterwegs haben wir nochmals einen tollen Blick auf die in der Ferne liegenden Alpen. Wir kommen durch viele kleine Dörfer, von denen die meisten auf einem Hügel liegen. Dieses ständige auf und ab ist sehr kräftezehrend. Da Sonntag ist finden wir in diesen Dörfern keinen geöffneten Laden. Zum Glück haben wir genügend Proviant dabei bis wir in Asti ankommen. Da unsere nächste Unterkunft mitten in der Landschaft liegt, kaufen wir hier unser Abendessen sowie Proviant für unsere nächste Etappe ein. Danach fahren wir weiter zu unserer Bleibe für die nächste Nacht, ein B’n’B in einem alten Gutshaus.

Tag 9

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Heute liegt die längste Etappe vor uns, welche uns zurück an einen Ausläufer der Alpen bringt. Es geht erneut recht hügelig voran. Zwischen den Weinanbauflächen tauchen immer wieder Haselnussplantagen auf. Zwischenzeitlich entdecken wir einen Radweg, den wir für ein gutes Stück unserer Strecke nutzen können. Dieser ist zwar nicht immer befestigt, aber angenehmer als auf der Straße zu fahren. Später kommen wir wieder auf die Provinzstraße, der wir nun bis zu ihrem Ende folgen. Sie mündet in eine Strada Statale, die wir bis ans Meer immer wieder treffen werden. Auf dieser Straße fahren wir bis nach Ceva. Hier verbringen wir die Nacht in einem B’n’B.

Tag 10

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Heute liegt eine recht bergige Etappe vor uns. Wir starten wieder auf der großen Straße, die den gestrigen Tag abschloss. Nach einigen Kilometern zweigen wir auf einen Radweg ab, der schon bessere Tage gesehen hat. Stellenweise ist er unbefestigte, an anderen teilweise weggespült. Bald kommen wir an eine Stelle, an der er so steil ist, dass wir uns anstrengen müssen, die Vorderräder am Boden zuhalten. Es geht weiter immer mehr oder weniger steil bergauf, bis wir an eine Stelle kommen, an der wir nicht weiterfahren können: auf einer Strecke von etwa 100 Metern ist kein Weg mehr vorhanden und wir müssen unsere Räder fast tragen. Dabei verliert ein Rad eine Schraube, die den Gepäckträger hält. Nach einem kurzen Stopp für die Reparatur geht es weiter. Wir versuchen so viel wie möglich auf dem Radweg zu bleiben, müssen aber noch einmal auf eine Straße ausweichen, da Teile des Wegs abgerutscht sind. Als der Radweg endet, kommen wir zurück auf die Straße, auf der wir heute gestartet sind. Auf ihr fahren wir über das Colle di Nava. Kurz hinter dem Colle biegen wir auf eine kleine Straße ab, auf der wir hinab ins Tal nach Pieve di Teco kommen. Hier verbringen wir die letzte Nacht, bevor wir ans Meer kommen.

Tag 11

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Heute kommen wir ans Meer. Dazu müssen wir noch das Colle San Bartolomeo überqueren. Dazu geht es zuerst auf der Strada Statale aufwärts, bevor wir auf eine nur wenig befahrene Provinzstraße abbiegen können. Kurz nach dem überschreiten des Colle sehen und schmecken (die Luft ist plötzlich viel salziger als zuvor) wir das Mittelmeer. Nun geht es durch Olivenhaine hinab nach Imperia, wo wir auf die Küstenstraße kommen. Nach nur wenigen Kilometern beginnt ein Radweg, der auf einer ehemaligen Bahntrasse gebaut wurde. Auf diesem kommen wir ohne größere Anstiege gut voran, da wir die ehemaligen Eisenbahntunnel (der längste ist über ein Kilometer lang) nutzen. So plötzlich wie der Radweg begonnen hat hört er auch wieder auf. Nun müssen wir wieder zurück auf die Küstenstraße, auf der sehr viel Verkehr ist und die viel mehr Anstiege (aber auch Abfahrten) hat als der Radweg. So kommen wir zu unserer vorletzten Unterkunft in Ventimiglia.

Tag 12

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Wir radeln weiter auf und ab auf der Küstenstraße zur französischen Grenze, die wir nach nur wenigen Kilometern erreichen. Schon kurz darauf erreichen wir die nächste Grenze, die des kleinsten Staats unserer Tour: Monaco. Wir rollen hinab zum Hafen, ein kleines Stück über die Formel 1 Strecke, bevor wir Monaco schon wieder verlassen und bald darauf nach Nizza kommen. Ab hier gibt es einen Radweg entlang der Strandpromenade. Dieser führt uns durch die ganze Stadt, vor bei am Flughafen bis kurz vor Biot. Das letzte Stück des Radwegs, das wir fahren, ist auf dem Seitenstreifen der Küstenstraße. Kurz nach dem Bahnhof von Biot verlassen wir den Radweg und radeln hinauf zu unserer letzten Unterkunft der Tour in Antibes, bevor ich am nächsten Tag meine Wohnung in Biot beziehen kann.

Text: Manfred Schäfer, editiert von Friederike Schäfer
Bilder: Stefan Götz, Friederike Schäfer, Gerhard Schäfer und Manfred Schäfer

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

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